Unterwegs mit Klaus Ahlert auf der Farm Niedersachsen

„Ich bin steinreich …“, sagt mir Klaus Ahlert, als wir von einem Hügel aus über sein burgähnliches Farmhaus hinweg in die nicht enden wollende Savannenlandschaft blicken, „kaum einer hat mehr Steine!“. Wir lachen. Und ich glaube ihm jedes Wort. „Steinig“ ist stark untertrieben. Er wird mir noch erklären, warum das eigentlich nicht zum Lachen ist.

Farm Niedersachsen

Unterwegs mit Klaus Ahlert auf der Farm Niedersachsen © Judith Hoppe

Es ist es jetzt, um die Mittagszeit, heiß. Die sanften Hügel verlieren sich in allen denkbaren Brauntönen flirrend in den fernen Bergketten des Khomas Hochlandes. Ein paar kleine, längliche Inseln, bestehend aus Kakteen und dornigen Sträuchern, setzen hie und da einen grünen Akzent. Das Teichbecken, unterhalb des Hauses gelegen, und eingefasst in eine hohe Staumauer, ist bis auf den Grund leer. Wie seit Jahren schon. Bis zu diesem Frühjahr. Da wurde das ganz anders.

Karakulzucht auf der Farm Niedersachsen

Hier, unterhalb des Us-Passes, 160 Kilometer westlich von Windhoek, liegt die Farm Niedersachsen, am Rande der Namib. Barbara Ahlert, Tochter des einstigen Besitzers Werner Siedentopf, wurde hier geboren, ihr Ehemann Klaus stammt aus Essen. Die beiden betreiben eine (Gäste-) Farm, zu deutsch einen Bauernhof. Aber was sollte man hier anbauen oder aufziehen, fragt man sich unwillkürlich?

„Na Karakulschafe natürlich, die werden hier seit 1936 gezüchtet, in guten Jahren bis zu 2.000 Tiere“, erzählt Klaus Ahlert. Das Karakulschaf ist das einzige Schaf mit dem man am Rande der Wüste wirtschaften kann. Es ist sehr genügsam und seine Pelze (sogenannte Persianer) von den frisch geborenen Lämmern liefern das Einkommen.

Ein gutes Jahr, so erfahre ich, ist eines mit Regen – viele gab es in letzten Jahren, seit Beginn des neuen Jahrtausends, nicht. Schnell begreift man, dass Namibia ein Land der Extreme ist, denn 2009 war es des Guten zuviel: der Damm überschwemmt, das Pumpenhaus und so manches Andere vom Wasser zerstört. „Hier ist immer alles möglich,“ erzählt Klaus Ahlert, „übermäßiger Regen mit Schäden an Dämmen, unterspülten, nicht passierbaren Straßen oder eben Jahre mit kaum oder gar keinem Regen.“

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Wandel vom reinen Farmbetrieb zur Gästefarm in Namibia

Und trotzdem freut die Ahlerts der viele Regen mehr, als der durch ihn entstandene Schaden schmerzt. Zu tief sitzt noch immer die Erinnerung an die jahrelange Trockenperiode. Mitte der neunziger Jahre, in denen kein Regen fiel, musste die Herde immer wieder halbiert werden. Die überzähligen Schafe wurden verkauft, um wenigstens die Zuchttiere durch diese Trockenheit zu bekommen. Wasser ist dann das größte Problem. Von 1990 bis zum Jahre 1997 fiel der Regen landesweit um ein Drittel, für die verbliebenen 300 Schafe, pumpte die Familie Wasser aus sechs Kilometer Entfernung zur Farm Niedersachsen und sammelte das wenige am Haus, für den Eigenbedarf und für die Gäste zum Duschen und Waschen.

Es gibt so einiges, woran man sich als Europäer erst einmal gewöhnen muss. Die für uns so ungewöhnliche Weite des Landes zum Beispiel: Wäre das Fürstentum Liechtenstein 2.000 qkm größer als es ist, hätte es ungefähr die Ausmaße der Farm Niedersachsen, nämlich 18.535 Hektar…! Dabei ist die Ausdehnung des Areals im westlichen und im südlichem Teil Namibias nicht Ausdruck von Reichtum, sondern von Regenarmut. Wer wenig Wasser hat, braucht eben riesige Ausweichflächen, um Mensch und Tier durch die Trockenheit zu bringen. Zudem zerren lange Fahrten (Energiepreise) und der materialmordende Untergrund zusätzlich an der Wirtschaftlichkeit des Farmbetriebes. Dies erklärt auch die ungewöhnlich hohe Dichte an ausgesprochen alten Geländewagen in diesem Abschnitt des Landes: Man kann einen großen Teil des Gebietes nur mit 4×4 angetriebenen Fahrzeugen besuchen. Geeignete Autos sind selten geworden, denn neuere Geländewagen sind für diese Schluchten und Bergen zu leicht gebaut. „Neue Autos sind in dieser Wildnis nur Spielzeug, darum werden in unserer Gegend ältere Fahrzeuge immer wieder repariert, denn die sind wirklich Gelände tauglich“, erklärt Herr Ahlert.

Farm Niedersachsen

Haupthaus der Farm Niedersachsen © Judith Hoppe

„Um in dieser ariden, aber landschaftlich beeindruckenden Gegend dennoch zu überleben, eröffneten wir vor 20 Jahren eine Gästefarm. Die Faszination der Landschaft, die Stille ohne Autoverkehr und sonstigen Zivilisationsgeräuschen genießen viele Naturliebhaber, die sogar für die wenigen Farmgeräusche dankbar sind: ein quietschender Windmotor, das Tuckern eines Einzylinder-Listermotors, das Blöken der Schafe, wenn sie auf die Weide gehen. Nachts bellen einige Schakale, die sich über irgendetwas Fressbares „unterhalten“, das Krächzen von einigen Käuzen, das Gurren der Tauben vor Sonnenaufgang – es sind lauter Naturgeräusche, auf die der Mensch keinen Einfluss hat und gerade deshalb bei uns genießen kann“, erzählt mein Gastgeber.

Versteck im Zweiten Weltkrieg für zwei Geologen aus Deutschland

Als Gast wird es einem auf der Farm Niedersachsen nie langweilig, es gibt reichlich zu sehen, zu erfahren und zu lernen. Oryx, Kudus und viele andere Tierarten lassen sich bei ausgedehnten Rundfahrten und Wanderungen auf dem Gelände beobachten, wenn man sie trotz ihrer Tarnung entdeckt. Man sollte doch annehmen, dass ein Zebra wegen seiner auffälligen Färbung sofort ins Auge fällt. Tatsächlich aber ist ein Zebra, das sich nicht bewegt, nicht mit dem Schwanz und den Ohren wackelt, verschmolzen mit der Landschaft und auf 100 Meter kaum mehr auszumachen. „Da wir auf einer Farm leben“, erzählt Herr Ahlert „und kein Wildpark sind, überrascht einen das Wild immer wieder. Unverhofft taucht es in der immer anders ausschauenden Landschaft auf und verschwindet wieder.“

Und auch nachts kann man sehen, beobachten. Die Sauberkeit der Luft und der fast immer wolkenfreie Himmel erlauben einen Blick in die unfassbare Fülle von Sternen, die sich über diesem Land ergießen. Ohne lästige Abgase und störende Lichter von Haushalten, Straßenbeleuchtung und bunter Reklame kann man hier ungehindert Himmelskörper beobachten – und zwar vom farmeigenen Observatorium aus.

Henno Martin Haus Namibia

Das Henno Martin Haus © Judith Hoppe

Und dann ist da noch diese unglaubliche Geschichte zweier deutscher Geologen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, die sich aus Angst vor Internierung durch die Kriegsgegner Deutschlands in die Wüste um den Kuiseb-Canyon flüchteten, also hier auf Niedersachsen. Zweieinhalb Jahre lebten Hermann Korn und Henno Martin (später Prof. Dr.) in und weitgehend von der Natur, ein eher primitives Jägerdasein – und überlebten. Wie sich später herausstellte übrigens völlig sinnlos, denn die südafrikanischen Behörden nahmen nur politisch aktive Personen in Gewahrsam – keiner der beiden stand je auf einer Fahndungsliste. Nur wussten sie das nicht.

Eine der Wohnstätten der Wissenschaftler liegt auf der Farm und kann besichtigt werden. Prof. Dr. Martin schrieb später sein berühmtes Buch „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“ und muss als vorbereitende Literatur für einen Besuch der Farm Niedersachsen empfohlen werden. Dies und die lebendigen Erzählungen von Herrn Ahlert lassen den Besucher erahnen, wie abenteuerlich und entbehrungsreich die damaligen Geschehnisse gewesen sein müssen.

Es wird Abend über Namibia und wieder stehen wir auf einem Hügel und genießen bei einem „Sundowner“ das tägliche Spektakel des Sonnenuntergangs über der Wüste. Als wir ein paar Perlhühner umhereilen sehen, verrät mir der Farmbesitzer sein Geheimrezept für diese Vögel: „Packen Sie ein Perlhuhn zusammen mit ein paar Steinen in einen großen Topf und kochen Sie alles drei Stunden lang. Danach essen Sie den Stein und werfen das Huhn weg – diese Biester sind unglaublich zäh!“

Und schon wieder habe ich etwas gelernt: Klaus Ahlert hat Humor und besitzt offensichtlich zu viele Steine.

Gäste Farm Niedersachsen
PO Box 3636
Windhoek
Namibia
Tel. +264-62-572200
www.farm-niedersachsen.com

Buchtipp: Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beschlossen die deutschen Geologen Henno Martin und Hermann Korn, sich in der Namib-Wüste zu verstecken und dort wie Buschleute zu leben und überleben. Henno Martin schrieb später ein Buch über dieses Abenteuer. Eine der Wohnstätten der beiden Geologen liegt auf dem Gelände der Farm Niedersachsen und kann dort besichtigt werden.

Autor: Henno Martin
Verlag: Two Books
ISBN: 978-3935453028
Preis: 12,80 €

Bezug über www.amazon.de

Autor: Christoph Hoppe
Bilder: Judith & Christoph Hoppe

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