Kein Kaffee, kein Zucker, kein Handy – warum ich trotzdem bleiben wollte. 3 Wochen im Prakriti Shakti in Kerala
„Eigentlich wollen wir Dich hier nie wieder sehen“
Ein Erfahrungsbericht über drei Wochen Naturheilkunde, Fasten und Yoga – und die Frage, was davon im Alltag bleibt.
Ein Satz, der irritiert – und doch den Kern dessen trifft, worum es im Prakriti Shakti im Süden Indiens geht: Gesundheit nicht verwalten, sondern wiedererlangen.
Die Worte „Prakriti Shakti“ bedeuten sinngemäß „Leistungsfähigkeit“ oder „Stärke der Natur“. Dem Wesen nach ist „Prakriti Shakti“ ein Sanatorium für Naturopathie. Auf deutsch: Naturheilkunde, jene Gesundheitslehre also, die auf diätetischen und physikalischen Heilmitteln beruht, auf eine naturgemäße Lebensweise besonderen Wert legt (= unbehandelte Lebensmittel) und weitgehend auf Arzneimittel verzichtet. Die Klinik, das Sanatorium, das Resort – je nachdem, wie man die Anlage einordnen will, liegt im Süden Indiens im Bundesstaat Kerala und grenzt an das Periyar Tiger Schutzgebiet.
Tuk-Tuks, Busse, Autos und Radfahrer…
…säumen die Anreise ins Hochland von Kerala.
Vom Chaos in die Stille
Rund vier Stunden dauert der Transfer von der Landeshauptstadt Kochi ins Hochland von Kerala. Zunächst geht es durch das, was man sich unter indischem Straßenverkehr vorstellt: hupend, dicht gedrängt, laut. Dreiräder, Motorräder, Busse – alles scheint gleichzeitig unterwegs zu sein, jeder sucht seinen Weg durch das scheinbar ungeordnete System.
Es ist Regenzeit, in den wenigen Stunden ohne sintflutartige Niederschläge dampft die Außenwelt, während die Klimaanlage im Inneren des Autos gequält unter Volllast hysterisch scheppert.
Doch je weiter die Fahrt voranschreitet, desto ruhiger wird es. Die Straßen werden schmaler, die Landschaft grüner, der Verkehr dünner. Irgendwann biegt das Auto ab, ein unscheinbarer Weg führt hinab – und plötzlich ist man da: im Prakriti Shakti.
Die Anlage liegt abgeschieden. Klinik, Retreat oder Resort? Wahrscheinlich von allem etwas – und gleichzeitig keines davon im klassischen Sinne. Hier beginnt etwas anderes: weniger Außenwelt, mehr Innenleben.
Rezeption, Pool & Blick über das Tal
Das Prakriti Shakti liegt hoch in den Bergen von Kerala
Naturheilkunde statt Komfortzone
„Prakriti Shakti“ lässt sich sinngemäß mit „Kraft der Natur“ übersetzen. Und genau diese Kraft steht hier im Mittelpunkt. Die Klinik setzt auf Naturheilkunde: unbehandelte Lebensmittel, Fasten, Bewegung und Anwendungen – möglichst ohne Medikamente.
Die 19 Zimmer sind schlicht, großzügig, ruhig gelegen, mit Blick ins Tal. Doch Luxus im klassischen Sinne sucht man vergeblich: kein Fernseher, keine Klimaanlage. Dafür viel Ruhe – und erstaunlicherweise WLAN, auch wenn man schnell merkt, dass man es kaum braucht.
Schon bei der Ankunft wird klar: Hier gelten andere Regeln.
Der Manager begrüßt mich mit den Worten: „Fühle Dich wie bei Freunden zu Hause. Alles steht Dir offen – die Arzträume ebenso wie die Küche.“ Das ist genau so gemeint, wie ich im Laufe der kommenden Tage feststelle.
Auch äußerlich wird das Konzept sichtbar: Alle tragen Weiß. Ein kleines Detail, das schnell Wirkung zeigt – Gleichheit, Klarheit, Fokus. Denn Ablenkung ist hier nicht vorgesehen. Dafür Struktur.
Ärzte sind an ihren dezenten Westen zu erkennen, Therapeuten an orangefarbenen Oberteilen. Und wir „Patienten“? Ebenfalls komplett in Weiß – einfache Baumwollkleidung, gestellt vom Haus. Jeder bekommt zwei Sets, von denen die getragenen täglich zusammen mit der eigenen Unterwäsche abgeholt und am nächsten Tag gewaschen wieder abgeliefert werden. Mein Aufenthalt ist auf drei Wochen angelegt, ich bin mit ausschließlich Handgepäck angereist.
Der Gast betritt das Prakriti Shakti über einen überdachten Weg, rechts liegen Empfang mit immer freundlich lächelnden Mitarbeitern und Küche, geradeaus der Pool, dahinter dieses wunderschöne Tal, das seinen Anblick, zumal in der Regenzeit, beständig ändert. Erhabene Kirchen, Schulen, bunt geschmückte Klöster, wir sind im christlichen Teil Indiens, kleinste Bauernhöfe liegen wie Farbtupfer im vollen Grün der Gebirgsformation, die sich über den Horizont hinaus ausbreitet. Um dies an dieser Stelle gleich zu erwähnen: während des Monsoons, in der Regenzeit, regnet und stürmt es garantiert. In den anderen Jahreszeiten häufig auch.
Von den Terrassen der Cottages genießen die Gäste den Weitblick ins Tal
Ausschnitt aus dem täglichen, individuell erstellten Behandlungsplan
Prakriti Shakti – Der Ansatz: Wecke den Heiler in dir
Schon am ersten Tag erlebe ich diese Macht der Natur: Gerade eben war noch unendliches Panorama, leichter Sonnenschein, es herrschen angenehme Temperaturen. Da ziehen Wolken von links ins Tal, so dicht und schnell, dass in wenigen Augenblicken die Sicht gerade noch bis zur Poolgrenze reicht, es wird deutlich kühler, dann beginnt es zu schütten, als wolle die Welt untergehen. So lerne ich meinen neuen Begleiter Tag für Tag erneut zu schätzen: einen Regenschirm, ohne den, selbst bei heiterem Sonnenschein, niemand sein Zimmer verlässt. Die Frage ist selten ob, sondern wann und wie oft man ihn im Laufe des Tages braucht…
Frau Dr. Nithila erstellt meine Bestandsaufnahme: Gewicht, Blutdruck, grundlegende Werte. Doch im Gespräch geht es weniger um medizinische Fachbegriffe als um mein persönliches Empfinden. Was belastet mich? Wie fühle ich mich?
Die Liste ist wenig überraschend: typische Zivilisationserscheinungen wie Übergewicht, Bluthochdruck, Tinnitus, erhöhte Cholesterinwerte. Beschwerden, die viele mitbringen. Andere kommen mit Diabetes, Herzproblemen oder stressbedingten Erkrankungen.
Am Abend erhalte ich meinen individuellen Therapieplan – einen minutiös strukturierten Tagesablauf.
Dr. Nithila stellt mir den Chefarzt, Herrn Dr. Cijith Sreedhar, vor. Und der erklärt, das Konzept des Hauses basiere auf drei Säulen:
- Yoga und Atmung
- Ernährung und Fasten
- therapeutische Anwendungen
„You need to awake the healer“, sagt er. Der Körper könne sich selbst regulieren – wenn man ihm Raum dafür gibt.
Naturheilkunde bedeutet hier nicht Verzicht auf Medizin, sondern ein anderer Blick darauf: weniger Symptome bekämpfen, mehr Ursachen verstehen.
Und fährt fort: „Yoga ist eine Wissenschaft, eine Philosophie mit dem Ziel unsere innere Seele mit der universellen zu verbinden…“ als Antwort auf die Frage, was wir in den kommenden Wochen zu tun gedenken – und warum?
„Wenn das aber gelingen soll“, so der Mediziner, „muss der Mensch einen gesunden Körper und Kontrolle über seine Atmung haben, sich fokussieren und den Verstand kontrollieren können. Und man muss seinen Körper beständig reinigen. Diese physische Komponente des Yoga ist einer von drei integralen Bestandteilen, unseres Therapieansatzes. Die beiden anderen Komponenten sind eine spezielle Diät/das Fasten und äußerliche Anwendungen. Die religiöse Komponente des Yoga interessiert uns hier, an diesem Ort, nicht. Wenn wir den Zustand des Schlafes durchschreiten und beginnen zu meditieren, versetzen wir uns in die Lage, mit unserem Körper in Kontakt zu treten. Mit anderen Worten, wir können uns selbst heilen.“
Deswegen kommen Menschen hierher, in diesen abgelegenen Teil im Süden Indiens.
Chefredakteur mit Regenschirm
Mit dem Monsoon kommt der Regen
Chefarzt Dr. Cijith Sreedhar
Tage im Rhythmus der Disziplin
Der Tag beginnt früh. Sehr früh. Barfußlaufen im Gras, Wasser oder Säfte, Behandlungen, Arztgespräche – alles folgt einem festen Ablauf. Und immer wieder: Yoga. Mals morgens in der Gruppe, mal als Einzelsitzung mit einem Arzt, mal als Atem- oder Meditationstraining. Dazwischen: wenig oder gar keine feste Nahrung. Fasten ist zentraler Bestandteil des Konzepts.
Chefarzt Dr. Cijith Sreedhar erklärt mir gleich zu Beginn den Ansatz: „Das Ziel ist es, eine für Deinen Körper unschädliche, aber möglichst lange Zeit ohne Nahrung auszukommen. Im Zusammenspiel mit Yoga/Meditation und unseren medizinischen Anwendungen erfährst Du nicht nur eine körperliche Reaktion, manche unserer Gäste werden kurzzeitig stiller, andere bekommen Kopfschmerzen, Schwindel, und ähnliches. Dies sind Reaktionen auf den Reinigungsprozess, den man durchläuft. Aber dann, nach ein, zwei Tagen, ereilt eigentlich jeden eine gewisse Euphorie. Nun ist er wach, der Heiler…“
Und ich merke rasch: Es passiert etwas: Energie kehrt zurück, Gedanken werden klarer, der Körper fühlt sich leichter an. Ein Prozess, der Zeit braucht. Und Disziplin.
Yoga ist hier keine Lifestyle-Übung, sondern Werkzeug. Atmung, Fokus, Kontrolle über den eigenen Körper – alles dient hier dem gleichen Ziel: Die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren.
In Eigenregie sollen die Patienten barfuß über den „Reflexology-Walk“ laufen
Rohkost? Ja, aber auf Gourmet-Niveau!
An der mit Kräutern veredelten Wasserstation kann man sich jederzeit bedienen
Fasten als Erfahrung, Rohkost als Konzept
Wenn gegessen wird, dann ausschließlich roh. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte – kreativ zubereitet, unbehandelt. Rohkost entlastet – und unterstützt die Selbstreinigung. Dass daraus abwechslungsreiche Gerichte entstehen, liegt an der Kreativität der Küche. Messer, Mixer und ein großes Dörrgerät ersetzen hier klassische Kochmethoden.
„Nun könnte man meinen, die Verkostung unbehandelter Lebensmittel sei eine alte, indische Tradition“, erklärt mir einer der Küchenexperten, „das stimmt natürlich in der Weise, als dass alle Menschen vor Urzeiten erst einmal roh aßen, in der heutigen Zeit, in der mehr oder weniger alles verarbeitet wird, wurde diese ursprüngliche Art der Nahrungsaufnahme wieder populär durch den amerikanischen Chefkoch, Matthew Kenny und seiner Frau Sarma Melngailis.“ Rohkost könne jeder zubereiten, im Grunde genüge es, ein Stück von einer Karotte abzubeißen! Was die beiden Amerikaner allerdings geschafft hätten, sei aus Rohkost kulinarische Köstlichkeiten zu kreieren. Warum das Ganze? 90 Prozent aller gesunden Wirkstoffe, vor allem Vitamine, Enzyme, Proteine und Aminosäuren gehen durch Erwärmen verloren oder werden beschädigt. Erspart man dem Körper gewisse Umbauprozesse und Entgiftungen, die mit vorbehandelten Lebensmitteln notwendig werden, fordert der auch erheblich weniger „Treibstoffe“, also Zucker, Fett. Er bekämpft Giftstoffe und beschädigte Zellen effektiver.
Der Küchenchef zeigt jeden Abend auf’s Neue…
…wie abwechslungsreich Rohkost-Küche sein kann.
Reinigung auf allen Ebenen
Neben Ernährung und Yoga bilden Anwendungen die dritte Säule: Massagen, Akupunktur, Massagen, mal mit groben Salz, mal mit wohltuenden Ölen, mit heißem Schlamm gefüllte Säckchen zum Klopfen, Sitzbäder und noch einige andere mehr, immer entlang der angetroffenen Leiden.
Nicht zu vergessen die Reinigungsrituale. Einige davon sind angenehm, andere… sagen wir: gewöhnungsbedürftig. Doch sie folgen alle dem gleichen Ziel – den Körper von innen und außen zu reinigen.
Nicht alles lässt sich in den Alltag übertragen. Aber vieles. Einige davon lassen sich zu Hause fortführen (andere eher nicht – Stichwort Salzwasser-Kuren). Aber genau das ist der Punkt: Du lernst Methoden, die über den Aufenthalt hinaus wirken sollen.
Was bleibt, wenn Du gehst?
Und während draußen wieder einmal die Welt in heftigen Windböen und endzeitlichen Regenstürmen unterzugehen droht, ist den Köchen und Ärzten klar, dass so eine Lebensweise in Kerala und für diese drei Wochen funktioniert. Zurück in Europa, mit seinen eigenen Traditionen und Zwängen, wird das eher schwierig. Beim Abschlussgespräch stellt sich so unweigerlich die Frage: Was kann ich hinüberretten in meinen Alltag?
Die Antwort der Ärzte fällt erstaunlich pragmatisch aus: Die „fünf Weißen“ reduzieren: Zucker, Milch, Mehl, Reis, Salz. Weniger verarbeitete Lebensmittel. Bewusster essen. Yoga und Atemübungen als regelmäßige Routine einbauen. Und hin und wieder fasten.
Keine radikale Lebensumstellung – aber ein anderes Bewusstsein.
Das Team aus Ärzten & Therapeuten im Prakriti Shakti
Das üppige Abschiedsessen – ist komplett vegan!
Prakriti Shakti: Ein Ort, der Dich verändert
Prakriti Shakti ist kein klassisches Wellness-Retreat. Es ist fordernd. Manchmal unbequem. Und definitiv nichts für nebenbei.
Aber genau darin liegt seine Stärke.
Am Ende verstehst Du den Satz, den Du hier öfter hörst:
„Eigentlich wollen wir Dich hier nie wieder sehen.“
Nicht, weil Du nicht willkommen wärst.
Sondern weil das Ziel ein anderes ist: gesund oder gesünder zurückzukehren. Und es zu bleiben.
Prakriti Shakti ist kein Ort zum Abschalten. Es ist ein Ort, der etwas in Bewegung setzt.
Und genau das macht ihn so besonders.
Täglich wechselnde Weisheiten regen zum Nachdenken an
Ein letzter Blick auf die friedliche Umgebung – ich komme wieder!



















CGH Earth Wellness/SwaSwara
Christoph Hoppe
Judith Hoppe
