Vor Jahrzehnten las ich – wie in meiner Jugend üblich – unter der Bettdecke und mit einer Taschenlampe in der Hand, Enid Blytons „5 Freunde“, Karl Mays „Winnetou“ und eben auch „Die Dschungelbücher“ des britischen Autors Rudyard Kipling, im indischen Pench National Park angesiedelt. Wer das nicht tat, hat heute bessere Augen als ich, zumindest jedoch die Zeichentrick-Version des Stoffes (1967) von Walt Disney gesehen. Wobei es sich dabei nicht um eine Verfilmung des Buches handelt, lediglich einige Motive stammen aus der Feder des Autors.
Im Pench National Park entstand das legendäre Dschungelbuch von Rudyard Kipling
Für diejenigen, die das alles nicht kennen: Der indische Junge Mogli (im Buch heißt es „Mowgli“) wächst im Dschungel unter Wölfen/ Affen auf, der Tiger „Shir Khan“ ist sein Erzfeind, Moglis Freunde, „Baloo“ der Bär und der schwarze Panther „Bagheera“ erretten den Jungen immer wieder.
Das erschien mir schon als Kind eher unwahrscheinlich. Nicht etwa der Umstand, dass ein Menschenkind unter Tieren aufwachsen könnte, sondern vielmehr das Zusammentreffen von Affen, Bären, Leoparden, Tigern, Hirsche und so vieler anderer Tiere. Die sich in der wirklichen Welt eigentlich nicht begegnen, weil sie in unterschiedlichen Klimazonen leben. Ein Bär durchstreift nordische Bergwälder, ein Tiger lebt im Dschungel. So dachte ich.

Pench National Park: Jäger und Gejagte ©Ajivit
40 Jahre später darf ich lernen, dass „Die Dschungelbücher“ nicht ausschließlich Rudyard Kiplings Fantasie entsprangen. Sondern jene Region Indiens ihn inspirierte, in der er lebte, als er die Bücher verfasste: im südlichen Madhya Pradesh, das heute „Pench National Park“ heißt, weil der Strom „Pench“ den Landstrich von Norden nach Süden durchfließt. Und in dem tatsächlich alle Tiere vor Menschen geschützt leben, denen der Autor literarisch eine Seele einhauchte.
Das Gebiet befindet sich an der Grenze zu Maharastra, rund 70 Kilometer entfernt von der Stadt Nagpur. Der Landstrich ist heute Tigerreservat; ein hügeliger Mischwald, in dem sich feuchte, geschützte Täler mit offenen und trockenen Laubwälder abwechseln. Über 1.200, darunter sehr seltene und gefährdete Pflanzenarten, wuchern hier üppig, bilden Nahrungsgrundlage für allerlei Gras- und Früchtefresser, dem Chital zum Beispiel, einer endemischen Hirschart, oder dem Pferdehirsch Sambar, Sumpfhirsche, Gruppen von Vierhornantilopen, Langur- und Rhesusaffen.
Und die sind wiederum Beute größerer Jäger: Tiger, Leoparden, Lippenbär, Dachse und seit einigen Jahren auch große Rudel von Wildhunden, die die wesentlich scheueren Wölfe aus der Region verdrängten. Pench National ist zudem bei Ornithologen beliebt: 200 verschiedene Vogelarten lassen sich mehr oder weniger bereitwillig beobachten.
Da der Pench National Park von Juli bis September komplett geschlossen bleibt, ist wohl das Frühjahr beste Reisezeit, um Tiere während einer Safari zu erleben. Zweimal täglich, am frühen Morgen und nachmittags, öffnen sich die Schranken für jeweils 2,5 Stunden. Der Zugang ist strengstens reglementiert, um den Frieden im Park so wenig wie möglich zu stören. Aus dem gleichen Grund schufen die Verantwortlichen Elefantenausritte ab und setzen seither Jeeps statt Dickhäuter ein. Das klingt widersinnig, ist aber tatsächlich ein Fortschritt. Denn Elefanten sind ziemlich rücksichtslose, ruppige Gesellen und finden Tiger wie Leoparden, die sich in der Nähe befinden, immer. Jeeps bleiben auf den wenigen befestigten Straßen, zertrampeln kein Unterholz, in dem sich vielleicht Würfe der Großkatzen verstecken. Der Nachteil dieses Arrangements: Begegnungen mit großen Raubtieren sind seltener geworden, darum scheint es geboten, mindestens 3-4 Nächte in der Region einzuplanen.

Pench National Park: Tiger ©Ajivit
Das geht gleichermaßen recht stilvoll wie naturnah: an der Grenze des Parks im Jamtara Wilderness Camp. Inmitten unberührter Natur stehen befestigte Zelte mit soliden Holzböden und gemauerten Bädern zur Verfügung. Wem das immer noch zuviel Zivilisation ist, schläft unter freiem Himmel, ein paar Meter ausserhalb des Camps auf einem Holzplateau. Ein Bett, ein Moskitonetz, ansonsten Wildnis. Die Zeit zwischen den Safaris überbrückt man spielend, das landwirtschaftlich geprägte Indien, das die Schutzzone umringt, liefert ausreichend Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Vielleicht besucht man umliegende Dörfer, albert mit Kindern herum, für die westliche Besucher auch heute noch echte Exoten sind. Kochkurse sind durchaus beliebt, wer weiß, welche kulinarischen Eindrücken man mit nach Hause retten kann? Oder man setzt sich auf eine Terrasse, lauscht den Geräuschen des Dschungels und liest ein Buch. „Die Dschungelbücher“ von Rudyard Kipling zum Beispiel.
Autor: ch

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Christoph Hoppe
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